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Rezension: Im Einklang mit der Welt- Weisheiten des Dalai Lama

Das Buch „Im Einklang mit der Welt-Weisheiten des Dalai Lama“, herausgegeben vom Padloch Verlag, ist ein „Best of“ der Bücher des Dalai Lamas. Aufgeteilt in viele kleine Abschnitte.

Es geht um die Grundlagen des Buddhismus, die Entstehen von Leid und die Notwendigkeit von Ethischem Verhalten unabhängig von Religionen. Auch der Schutz der Umwelt und der Respekt anderen Lebewesen gegenüber liegt seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, am Herzen und er zeigt die Wichtigkeit gerade in der heutigen Zeit auf.

Etwas antiquiert kommt aber folgende Aussage des Dalai Lama daher:

„….verheiratete Paare sollten Kinder haben, wenn keine zwingenden Gründe dagegensprechen. Keine Kinder zu haben, weil man ein Leben ohne Verantwortung genießen will, ist in meinen Augen ein Fehler.“

Das zeigt, dass der Dalai Lama,gelinde gesagt, sehr konservativ ist. Zum einen kann er sich offenbar nur vorstellen, dass verheiratete Paare Kinder bekommen. Andere nicht. Zum anderen unterstellt er Menschen, die keine Kinder haben, Egoismus. Das ist unangemessen. Denn auch ohne Kinder in die Welt zu setzen, kann man ein sinnvolles Leben führen und das von anderen Menschen bereichern. In Anbetracht der Tatsache, dass wir derzeit schon über 7,8 Milliarden Menschen auf dieser Erde haben, mit einem Zuwachs von 78 Millionen in den letzten fünf Jahren, ist seine Aufforderung, Kinder in die Welt zu setzen,  auch nicht zu verstehen. Von der Rolle der Frau in diesem Zusammenhang einmal ganz abgesehen. Der Nachsatz, er als Mönch solle sich dazu vielleicht nicht äußern, macht es auch nicht besser.

 

Fazit

Wer sich für den Buddhismus interessiert und sich mit den Grundlagen beschäftigen möchte, ist mit dem Buch gut beraten. Auch als Geschenk eignet es sich gut. Wer sich schon länger mit dem Buddhismus beschäftigt oder bereits Bücher des Dalai Lamas gelesen hat, wird hier nichts Neues finden.

  • Titel: „Im Einklang mit der Welt-Weisheiten des Dalai Lama“
  • Autor: German Neundorfer
  • Gebundene Ausgabe: 96 Seiten
  • Verlag: Pattloch Geschenkbuch; Auflage: 2. (23. März 2020)
  • ISBN-10: 3629115799
  • ISBN-13: 978-362911579
  • Preis: 10 Euro
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Rezension und Interview: Fluch der Saline von Anna Castronovo

Habt ihr Lust auf einen Ausflug in das Sizilien der 60er Jahre? Hier begegnen euch der vierzehnjährige Totò und sein Vater, die in einer Salzmine schuften, eine schrullige Nonna, eine Seherin, viel Abglauben und ein Fluch.

Aber der Reihe nach. Totòs Vater kauft eine marode Salzmine, in der fortan auch Totò schuften muss, obwohl er lieber zur Schule gehen möchte. Die Saline treibt die Familie in den Ruin, aber Totòs Vater will nicht verkaufen. Dann ist da auch noch ein Fluch, der auf der Saline zu liegen scheint und ein dunkles Familiengeheimnis. Kann Totò trotzdem seinen Traum verwirklichen?

Fazit

Der Roman von Anna Castronovo beinhaltet nicht nur eine packende Familiengeschichte. Sie zeigt uns auch das Sizilien der 60er Jahre, in dem Armut und Hoffnungslosigkeit herrschen, es strikte Regeln insbesondere für Frauen gibt, Menschen voller Aberglauben sind und ein Gerücht schnell zur Wahrheit wird und Menschen stigmatisiert.

Ich habe Anna Castronovo über den Skoutz Award kennen gelernt, den die Autorin im letzten Jahr in der Kategorie „Historische Roman“ gewonnen hat und war schon sehr gespannt auf ihr neues Buch. Ich habe es in einem Zug durchgelesen. Es ist spannend und bildreich geschrieben.  Ein weiteres Plus: Es ist nicht alles so, wie es zunächst scheint. Denn nichts ist langweiliger, als wenn man nach der ersten Seite schon weiß, wie es ausgeht. Die Charaktere sind großartig beschrieben, man fühlt sich sofort mit ihnen verbunden. Egal ob es der junge Totò ist, der ausbrechen will, die Nonna mit Lockenwicklern im Haar, die vielleicht gar nicht so verrückt ist, wie man glaubt oder der Vater, der in seinem Wunsch der Armut zu entfliehen, alles falsch macht, was man falsch machen kann.

Anna Castronovo kennt Sizilien sehr gut. Man merkt dem Buch an, dass sehr gut recherchiert wurde. Viele kleine Details machen das Lesen zum Genuss. Ganz nebenbei erfährt man viel über die Region und Salzherstellung. Und im Buch gibt es auch noch ein Rezept für  das Auberginengericht Caponata, das ich demnächst für meinen Food Blog ausprobieren will.

Ein Buch, das ich euch sehr empfehlen kann.

Interview mit Anna Castronovo

Anna Castronovo
Anna Castronovo mit ihrem Buch „Fluch der Saline“

Ich habe der Autorin fünf Fragen gestellt:

Dein Roman spielt in Italien. Wie ist dein Verhältnis zu Italien?

Amore, amore 🙂 Seit meiner Kindheit war ich immer viel in Italien. Nach der Schule habe ich ein Jahr in Perugia Italienisch studiert, danach wurde ich Dolmetscherin und Übersetzerin. Vor 21 Jahren habe ich dann in München meinen jetzigen Mann kennengelernt – einen Sizilianer. Wir verbringen jedes Jahr mehrere Wochen auf der Insel, also genug Gelegenheit, Stoff für meine Sizilienromane zu sammeln.


Wie entstehen neue Bücher bei dir? Was inspiriert dich zum Schreiben?

Die Geschichten finden mich, sie kommen zu mir. Manchmal stelle ich mir vor, im Universum schweben lauter unerzählte Stories herum, die auf die richtige Person warten, um endlich aufgeschrieben zu werden. Manchmal blitzen in mir Figuren auf, Schauplätze oder bestimmte Sätze und ich weiß sofort: Dem muss ich nachgeben. Meine Romane haben auch alle einen wahren Kern – meist Geschichten, die mir andere Menschen erzählen.

Bist du ein Mensch, der Ruhe und Zurückgezogenheit zum Schreiben braucht oder bestimmte Rituale?

Oh, ich bräuchte viel mehr Ruhe zum Schreiben 😉 Der Grund, warum meine Romane immer so lange brauchen, bis sie fertig sind, ist das Alltagschaos bei uns zuhause. Zwei Kinder, Mann, Haus, Garten, Pferd, Kater und meine „normale“ Arbeit als Journalistin … Vor allem während der Homeschooling-Zeit habe ich überhaupt keine Ruhe zum Schreiben gehabt. Ich hoffe sehr, dass wir jetzt in den Sommerferien in unser Haus ans Meer fliegen können, das ist wie ein Schreib-Camp für mich. Morgens, wenn alle noch schlafen, setze ich mich mit einem Kaffee auf die Terrasse, schaue aufs Meer, und dann fließen die Geschichten aus mir heraus.

Was beschäftigt dich gerade in Bezug auf deinen Roman? Lesungen sind ja wegen Corona nicht möglich.

Tatsächlich ist der Buch-Launch voll in die Hose gegangen. Das lag in erster Linie an den langen Lieferzeiten von BoD, die meinen ganzen Zeitplan zerstört haben. Ich musste erst 3 Wochen auf das Probeexemplar warten, und als ich das freigegeben hatte, nochmal 4 Wochen auf die erste Buchlieferung. Das hat dazu geführt, dass auf Social Media Buchbesprechungen und Gewinnspiele liefen, bevor das Buch überhaupt erhältlich war. Auch die Leserunde auf Lovelybooks war schon abgeschlossen, bevor der Roman in den Shops war. Das war wirklich blöd. Aber ich hoffe natürlich, dass Totòs Geschichte vielen Lesern gefällt, und der Roman sich trotzdem via Mundpropaganda und Social Media durchsetzt.

Was ist dein Lieblingsbuch?

„Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende hat die Liebe zu Büchern in mir entfacht, als ich 5 Jahre alt war. Deshalb wird es immer einen besonderen Platz in meinem Lese-Herzen haben. Ansonsten: viele, viele, viele.

Vielen Dank, Anna!

 

Auf ihrer Website findet ihr Infos zu “ Fluch der Saline“ und weiteren Büchern der Autorin. Oder besucht ihre Facebookseite, wo Anna ihre Leserinnen und Leser mit auf die Reise nimmt, wenn sie ein neues Buch beginnt.

Titel: Fluch der Saline

Autorin: Anna Castronovo

Erscheinungsjahr: 2020

ISBN 978-375-193-823-5

E-Book: 4,99 €; Taschenbuch 10,99 €

 

 

Allgemein · Blog

Romanfiguren

Wenn man einen Roman schreibt, erfindet man Figuren. Oder man fügt real existierenden Personen neuen Eigenschaften oder Details hinzu und sie werden so Teil eines Romans. So ist es auch in meinem Roman „ Vom Flüchten.“ Die Figur der „Paula“ ist meiner eignen Großmutter mit gleichem Namen nachempfunden.

Ich hatte nur wenig Kontakt zu meiner Großmutter Paula. Sie lebte in Süddeutschland, wir im Hohen Norden. Einmal im Jahr kam sie uns für drei Wochen besuchen. Die schönste Zeit des Jahres für meine Mutter, die ihre Mutter vergötterte.

Oma Paula erlebte ich streng und distanziert, fast kühl. Im Gegensatz zu meiner anderen Großmutter, die immer in einer Kittelschürze herumlief und im Garten buddelte, wenn wir sie besuchten, war Paula tadellos und chic gekleidet, trug Hosen und elegante Blusen. Das war in den 70er Jahren nicht üblich. Sie war keine Kuscheloma, die dicke Käsestullen schmierte und uns Süßigkeiten zusteckte wie meine andere Großmutter. Sie hat mich beeindruckt, mit ihrer Disziplin und Haltung. Der Kraft, die sie ausstrahlte. Trotz ihrer körperlichen Zartheit.

Beide Großmütter starben kurz hintereinander, als ich 13 war und gerade anfing zu begreifen, dass Großmütter nicht nur Großmütter waren, so Frauen mit einer langen Geschichte. Ich hätte gern mehr von ihnen erfahren. Ich weiß, dass beide im Krieg allein mit einer Schar von Kindern flüchten mussten. Auf der Flucht erlebten sie Traumatisches, verloren beide ihr jüngstes Kind. Aber es gab keine Zeit zu trauen, keine Unterstützung. Sie mussten funktionieren und die Kinder durchbringen.

Sie habe Unmenschliches geleistet. Deshalb habe ich den Frauen meiner Familie auch mein Buch gewidmet. In unserer patriarchalen Welt geht es oft nur um die Männer, auch was den Krieg angeht. Das Schicksal der Frauen wird kaum gewürdigt.

Welche real existierende Person würdet ihr ein einen Roman einbauen? Welcher Person würdet ihr ein Buch widmen?

Allgemein · Blog · Vom Flüchten

Skoutz- Award : Die Midlist!

Mit etwas Verspätung  wurden heute die Nomminierten des Skouz-Awards in der Kategorie „History“ bekannt gegeben. Die Spannung war daher um so größer und was soll ich sagen: Ich bin dabei!
„Vom Flüchten“ wurde von Jurorin Anna Castronovo, die den Preis im letzten Jahr gewonnen hat, unter die letzten neun Romane gewählt.
Vom 12.07. bis zum 26.07.2020 dürft ihr dann abstimmen, welche 3 Bücher es aus dieser Midlist auf die Shortlist History 2020 und damit in die nächste Runde schaffen.

Vorher sind noch Vorstellungen und Interviews geplant.

Allgemein · Vom Flüchten

Skouz – Award Long List Contemporary

Im Januar habe ich euch vom Skouz – Award berichtet und tatsächlich bin ich mit meinem Roman “ Vom Flüchten“ auf der Longlist im Genre “ Contemporary“ gelandet. Die gesamte Liste könnt ihr hier einsehen. Weiter geht es am 19. April 2020. Dann wird auf Facebook und Youtube veröffentlicht, welcher Roman es weiter geschafft hat. Daumen drücken!

Allgemein · Kurzgeschichten

Schattenläufer

Mein Lieblingsnachbar ist Wanni, der in diesem Jahr fünf Jahre alt geworden ist. Wanni ist ein toller Junge und gelegentlich auch ein ziemlicher Satansbraten. Er ist gerade in seiner Indianerphase und hat mir im Garten schon häufiger gezeigt, dass er schnell laufen kann als sein Schatten. Auch sein Indianereheul ist nicht von schlechten Eltern. Zu seinem Geburtstag habe ich ihm daher diese Geschichte geschenkt. Am Vorabend seines Geburtstages habe ich die Geschichte zusammen mit etwas Schokolade in den Briefkasten geworfen. Seiner Mutter hatte ich schon gesagt, dass dort etwas für Wanni sein wird. Am nächsten morgen um kurz nach neun klingelte es an meiner Tür: Wanni mit seiner Mutter. Sie erzählte mir, sie hätte ihm die Geschichte schon dreimal vorlesen müssen. Und Wanni hätte mir als Dankeschön ein Bild gemalt. Ein Teil der Schokolade bekam ich auch zurück geschenkt. Kinderlogik.(:-) Die Geschichte könnt ihr gern ausdrucken und weitergeben an Nachbarskinder, Nichten, Neffen, Enkel und so weiter. Bitte immer mit dem Hinweis auf meine Website.

Schattenläufer

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Wanni. Er lebte mit seinen Eltern und seinem großen Bruder in einem Dorf der Shoshoni an einem großen See mit vielen Tipis. Die Shoshoni waren ein stolzes und mutiges Indianervolk.

Wannis Bruder war fast zehn Jahre alt und hatte wunderschöne lange Haare. Er wurde von allen Goldhaar genannt. Wanni und er verstanden sich sehr gut und Wanni freute sich immer, wenn er zusammen mit Goldhaar durch die Gegend streichen konnte.

Wannis Mutter war berühmt für die schöne Kleidung, die sie aus Leder herstellte und wunderschön bestickte. Wannis Vater unterrichtete die älteren Kinder in allem, was ein Indianer so können muss: Anschleichen, mit Pfeil und Bogen schießen und Kämpfen mit dem Messer.

Wanni wollte unbedingt dabei sein, wenn die Kriegerinnen und Krieger des Stammes auf den Kriegspfad gingen. Er war immerhin schon fünf Jahre alt und übte das Anschleichen und Schießen mit dem Bogen. Außerdem trainierte er jeden Tag, so schnell wie möglich zu laufen. Er wollte nämlich schneller werden als sein Schatten!

Leider hatten es seine Eltern bisher nicht erlaubt, dass er mit auf den Kriegspfad ging. Aber er übte weiter jeden Tag, denn man konnte nie wissen, wann es soweit war.

Eines Tages im Herbst versammelten sich die Männer und Frauen des Stammes ganz früh morgens auf dem großen Platz in der Mitte des Dorfes. Die Männer würden auf ihren Pferden mit den langen Mähnen und bunten Decken auf dem Rücken auf Büffeljagd gehen. Die Frauen würden ihnen folgen. Während die Männer die Büffel jagten, würden die Frauen Fleisch, Knochen und Fell der erjagten Tiere verarbeiten. Es war wichtig, dass alle gut zusammenarbeiteten, denn nur so konnte die Jagt erfolgreich sein. Schließlich brauchten sie das Fleisch der Büffel zum Essen und das Fell für den kalten Winter, der bald kommen würde.

Der Häuptling stellte sich in die Mitte des Platzes und wünschte allen viel Erfolg bei der Büffeljagd. Wanni war sehr aufgeregt, denn er wollte unbedingt mit. Wenn er schon nicht auf den Kriegspfad durfte, dann doch wohl wenigstens auf die Büffeljagd. Schnell lief er zum Tipi seiner Familie und schlüpfte in das Zelt.

„Ich will mit zur Büffeljagd!“ rief er und strahlte über das ganze Gesicht.

Seine Mutter, die gerade ein Messer an einem Stein schärfte, sah ihn lächelnd an.

„Aber dafür bist du doch noch viel zu klein, Wanni. Das ist nur etwas für Erwachsene. Denn es ist sehr gefährlich, weißt du? Büffel sind groß und schwer und haben sehr viel Kraft. Und obwohl sie so schwer sind, können sie sehr schnell laufen. Man muss ein guter Schütze sein und sehr gut reiten können. Sonst kann es einem passieren, dass einen ein großer Büffel einfach überrennt!“

Da wurde Wanni sehr wütend. Nichts durfte er! Immer war er zu klein. Das war sehr ungerecht. Wanni stampfte mit dem Fuß auf und brüllte: „Doch! Ich will aber!“

Wannis Mutter seufzte und legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. „ Das geht nicht. Du darfst noch nicht mit,“ sagte sie.

Wanni hatte das Gefühl, als würde sich die Wut in seinem Bauch zusammenrollen zu einem Feuerball, der durch seinen ganzen Körper fuhr.

„Du bist doof!“ schrie er seiner Mutter zu, schnappte sich sein Holzgewehr und verließ das Zelt in Richtung See. Er war so wütend und enttäuscht, dass er weinen musste. Und er schämte sich ein bisschen, denn er wusste, dass man zu seiner Mutter nicht sagen sollte, dass sie doof ist. Denn er hatte eine sehr liebe Mutter.

Wütend vor sich hin schimpfend, ging er immer weiter, am großen See vorbei zum nahe gelegenen Wald. Er wusste, dass er dort nicht allein hingehen sollte, denn der Wald war groß und dunkel und man konnte sich leicht verirren. Außerdem konnte man dort nach Sonnenuntergang Wölfe hören, die die Köpfe in den Nacken legten und den Mond anheulten. Jetzt war es noch nicht dunkel, aber man konnte nie wissen, ob nicht ein Wolf den Weg querte. Manchmal heulten die Wölfe so laut und durchdringend, dass man sie sogar im Dorf noch hören konnte. Und auch Bären mit großen Tatzen waren schon in diesem Wald gesehen worden, die plötzlich hinter einem der alten Bäume, die in den Himmel ragten, hervorkommen konnten. Und Bären waren mindestens so gefährlich wie Wölfe, dass wusste Wanni.

Aber weil Wanni so wütend war, bemerkte er gar nicht, wie weit er schon in den Wald gelaufen war. Er dachte nur darüber nach, wie ungerecht das Leben für einen kleinen Jungen doch sein konnte.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Er war mitten im Wald und konnte sich gar nicht erinnern, wie er da hingekommen war! Obwohl es noch nicht einmal Mittag war, war der Wald sehr still und dunkel. Nur ein Rabe krächzte in einiger Entfernung.

Dann hörte er plötzlich ein Geräusch und Stimmen. Er sah in einiger Entfernung eine Gruppe von Männern auf Pferden, die sich direkt auf ihn zu bewegten. Wanni sah sich um und entdeckte einen Baum, der beim letzten Sturm entwurzelt worden und auf den Waldboden gestürzt war. Wenn die Männer ihn hier sehen würden, würden sie ihn bestimmt ausschimpfen, denn er durfte ja eigentlich gar nicht allein in den Wald gehen. Schnell kauerte er sich hinter dem Baum dicht an den Boden, damit sie ihn nicht sehen konnten.

Die Männer stiegen von ihren Pferden und ließen sich auf einer kleinen Lichtung nicht weit von ihm nieder. Sie saßen im Schneidersitz zusammen und unterhielten sich. Wanni erschrak: Die Männer unterhielten sich in einer fremden Sprache, die er nicht verstand. Es waren also gar keine Männer seines Stammes, sondern fremde. Und dann sah er etwas, das ihm den kalten Schauer über den Rücken jagte: Sie trugen Kriegsbemalung.

Offenbar waren es Feinde seines Stammes. Was sollte er tun?

Wanni bekam große Angst und war ganz verzweifelt. Was, wenn die fremden Krieger ihn entdecken würden? Oder wenn sie sein Dorf überfallen würden? Er wusste ja, dass die Männer seines Stammes zur Büffeljagd aufgebrochen waren und erst am Abend oder sogar erst am nächsten Tag zurückkommen würden. Im Dorf waren Frauen, Kinder und alte Menschen. Und nur wenige Kriegerinnen und Krieger, die immer im Dorf blieben, um den Stamm zu beschützen. Würden sie es schaffen, den Stamm gegen die fremden Indianer zu verteidigen?

Wanni zählte aus seinem Versteck durch, wie viele Männer er sehen konnte. Er zählte über 20. Das waren zu viele. Er überlegte, was er tun konnte. Zum Kämpfen war er zu klein. Aber laufen konnte er. Er würde so schnell wie möglich ins Dorf zurücklaufen und alle warnen.

Also kroch er langsam am Baum entlang. Dann stand er auf und lief gebückt zu den Bäumen. Er presste sich an einen Baum und sah zu den Männern hinüber. Hatten sie ihn entdeckt? Nein, sie unterhielten sich weiter und hatten angefangen zu essen. Wahrscheinlich stärkten sie sich vor dem Angriff.

Wanni holte tief Luft und lief los. Er lief so schnell, wie er noch nie im Leben gelaufen war. Immer schneller und schneller, bis er den See erreicht hatte. Dann weiter bis zum Dorf und zum Tipi seiner Familie. Er stürmte ins Zelt und ließ sich völlig erschöpft fallen. Er war so schnell gelaufen, dass er ganz außer Atem war.

„Mama,“ rief er keuchend ,“unser Dorf wird angegriffen. Ich hab Männer mit Kriegsbemalung im Wald gesehen!“

Wannis Mutter sah ihn erschrocken an. „Was sagst du da? Du warst im Wald? Allein?! Und du hast Männer mit Kriegsbemalung gesehen?!“

Wanni erzählte ihr alles. Und seine Mutter handelte sofort. Sie rief eine der Kriegerinnen, die im Dorf geblieben war zu sich und erzählte ihr von Wannis Beobachtung. Im nu war das ganze Dorf informiert und alle liefen zusammen.

„Wir müssen sofort das Dorf verlassen und uns in den Höhlen verstecken!“ sagte die Kriegerin. Ihr Name war Schneller Fuchs. Suchend sah sie sich um und entdeckte Wannis Bruder Goldhaar.

„Nimm dir ein Pferd und reite so schnell du kannst zu unseren Männern. Sie müssen die Jagd abbrechen und sofort zu uns zurückkommen.“

Goldhaar nickte mit großem Ernst und machte sich sofort auf den Weg zum Platz, an dem die übrigen Pferde standen. Er wusste, wohin die Männer aufgebrochen waren, um Büffel zu jagen. Er sprang auf sein Pferd, ein kleines, bunt geschecktes mit schwarzer Mähne und galoppierte davon.

Wannis Mutter führte nun alle Menschen des Stammes in die Höhlen oberhalb des Berges. Dort würden sie sich verstecken. Sie kletterten den steilen Hang hinauf. Die Nachhut bildete Schneller Fuchs und ein weiterer Krieger namens Starke Hand mit Pfeil und Bogen, die sich immer wieder umsahen, ob die Angreifer schon zu sehen waren. Aber sie hatten Glück. Noch war niemand zu sehen. Sie warteten eine ganze Weile und versuchten, keinen Lärm zu machen. Das fiel besonders Wanni sehr schwer, denn er wollte unbedingt seine Mutter fragen, ob sie wohl meinte, dass die Männer seines Stammes rechtzeitig eintrafen.

Dann sahen sie in einiger Entfernung die fremden Männer des anderen Stammes.

„Cheyenne,“ flüsterte Schneller Fuchs und gab das Zeichen, Pfeil und Bogen zu spannen. Der Stamm der Cheyenne war schon lange mit den Shoshoni verfeindet. Immer wieder gerieten sie aneinander.

Die Cheyenne-Krieger schlichen vorsichtig um die Zelte herum. Sie hatten keine Ahnung, dass das Dorf geräumt war und alle in Sicherheit waren.

Schließlich brachen sie in wildes Kriegsgeheul aus und stürmten die Tipis. Im gleichen Moment schossen Schneller Fuchs und Starke Hand mit Pfeil und Bogen von den Höhlen. Sie waren beide sehr gute Schützen. Die Cheyenne wusste zunächst gar nicht, woher die Pfeile kamen. Sie gingen in Deckung und schossen zurück. Zum Glück trafen sie niemanden. Aber wie lange konnte das gut gehen?

Immerhin hatten die Shoshoni nur wenige Krieger, während die Cheyenne 20 Mann stark waren.

Würden sie es schaffen, sich gegen die fremden Krieger zu behaupten und ihr Dorf zu beschützen?

Plötzlich hörten sie donnerndes Hufgetrappel. Und dann sahen sie die Männer der Shoshoni im wilden Galopp heran preschen, ganz vorn mit dabei war Goldhaar mit seinem Pferd. Er hatte es tatsächlich geschafft, die Büffeljäger einzuholen. Sie hatten die Büffeljagd sofort abgebrochen und waren umgekehrt. Sie kamen gerade rechtzeitig.

Wanni war sehr erleichtert. Als die Cheyenne die große Menge an Männern auf Pferden sahen, traten sie sofort den Rückzug an, denn sie wussten, sie hatten keine Chance. Sie rannten zum See und wurden bis in den Wald verfolgt. Dort sprangen sie auf ihre Pferde und jagten davon.

Im Dorf waren alle sehr erleichtert. Sie waren von den Höhlen zurückgekommen und versammelten sich auf dem Dorfplatz. Alle sprachen aufgeregt durch einander. Und immer wieder hörte Wanni seinen Namen. Er hatte sie gerettet, weil er so schnell gelaufen war und sie warnen konnte. Immer wieder kamen Stammesmitglieder vorbei und klopften ihm auf die Schulter. Auch sein Vater, der allerdings ein wenig schmunzeln musste.

„Eigentlich müsste ich böse mit dir sein. Du sollst nicht allein in den Wald gehen. Aber diesmal will ich mal nicht so sein, denn so konntest du die fremden Krieger sehen und alle warnen. Du musst sehr schnell gelaufen sein.“

„Ja,“ sagte Wanni,“ das bin ich, Papa. Ich bin schneller gelaufen als mein Schatten!“

Am Abend gab es auf dem Dorfplatz ein großes Fest. Es gab leckeres Essen, ein großes Lagerfeuer und alle unterhielten sich mit einander. Die Kinder spielten zusammen und alle wollten von Wanni wissen, wie er es geschafft hatte, so schnell zu laufen. Wanni war stolz auf sich. Zwar war er kein Krieger und durfte noch nicht zur Büffeljagt. Aber er konnte etwas, das allen geholfen hatte: schneller laufen als sein Schatten.

Schließlich trat der Häuptling zu Wanni und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er war ein großer Mann mit tiefer Stimme und eigentlich hatte Wanni immer ein bisschen Angst vor ihm. Aber diesmal nicht. Der Häuptling sagte mit seiner tiefen Stimme so laut, dass es alle hören konnten: „ Wanni war sehr mutig. Obwohl er noch so klein ist und erst fünf Jahre alt, ist er schneller gelaufen als sein Schatten. Daher soll er heute einen neuen Namen bekommen: Schattenläufer.“

Alle um ihn herum nickten anerkennend und viele kamen, um ihm zu seinem neuen Namen zu gratulieren. Alle feierten noch bis tief in die Nacht. Und als Wanni später mit seiner Familie im Tipi lag und sich auf seinem Schlafplatz in sein Fell kuschelte, flüsterte er seinen neuen Namen: Schattenläufer.

c/o Cordula Gartmann , feinetexte.org